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Merkmale einer Kurzgeschichte 05:58 min

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Transkript Merkmale einer Kurzgeschichte

„Der Anruf kam, als ich vierzehn war. Ich wohnte seit einem Jahr nicht mehr bei meiner Mutter und meinen Schwestern, sondern bei Freunden in Berlin. Eine fremde Stimme meldete sich, der Mann nannte seinen Namen, sagte mir, er lebe in Berlin, und fragte, ob ich ihn kennen lernen wolle.“

Moooooment. Wer ist „ich“? Welcher Mann? Und warum noch mal will er ihn – oder sie? – kennen lernen?

Die ersten 3 Zeilen und schon hast du mehr Fragen als Antworten. Du wirst völlig unvermittelt in das Geschehen hineingeworfen. Es gibt keine Einleitung. Die Handlung beginnt überraschend. Und du bemerkst, dass der Text wirklich kurz ist. Er ist nur wenige Zeilen oder Seiten lang. Du kannst das Ende schon erahnen. Wenn du diese Dinge feststellst, kannst du dir ziemlich sicher sein, dass du gerade eine Kurzgeschichte liest.

„Ich zögerte, ich war mir nicht sicher.“ Du weißt nicht, ob du wirklich eine Kurzgeschichte vor dir hast? Du denkst, es könnte vielleicht auch eine Novelle oder eine Anekdote sein? Dann sieh noch einmal genau hin. Vielleicht kannst du noch weitere Merkmale einer Kurzgeschichte im Text entdecken. „Zwar hatte ich schon viel über solche Treffen gehört und mir oft vorgestellt, wie so etwas wäre, aber als es soweit war, empfand ich eher Unbehagen. Wir verabredeten uns. Er trug Jeans, Jacke und Hose. Ich hatte mich geschminkt. Er führte mich ins Café Richter am Hindemithplatz und wir gingen ins Kino, ein Film von Rohmer.“

Aufgrund der Knappheit des Textes bleibt keine Zeit für lange Beschreibungen. Für dich als Leser ist es eher so, als würdest du dir ein oder zwei Fotos aus dem Leben eines unbekannten Menschen ansehen. Die Szenen, die in Kurzgeschichten geschildert werden, wirken alltäglich, wie direkt aus dem Leben aufs Papier gebracht.

Auch die Sprache ist an der Alltagssprache orientiert. Du findest knappe Sätze, die meist nüchtern auf das Wesentliche beschränkte Informationen weitergeben. Konkrete Orte und Zeiten werden nur erwähnt, um den chronologischen Ablauf der Ereignisse deutlich zu machen. Oft wird von wenigen Minuten oder Stunden erzählt. Erstreckt sich die Handlung wie in unserem Beispiel doch einmal über einen längeren Zeitraum, kannst du feststellen, dass nur ein einziger Aspekt im Leben dargestellt wird. Hier ist das die Beziehung der Erzählerin zu dem unbekannten Mann. So wie die Erzählerin und der Mann, sind die Personen in Kurzgeschichten keine besonderen Helden, sondern Menschen wie du und ich. Du könntest sie beim Bäcker oder auf dem Weg zur Schule treffen. Selten gibt es mehr als ein oder zwei Hauptpersonen in einer Kurzgeschichte. Wenn du eine Kurzgeschichte liest, wirst du keine genaue Beschreibung des Charakters der Personen finden. Oft werden nur Andeutungen gemacht, die dir helfen, dir die Person ungefähr vorzustellen. Du erfährst zum Beispiel, dass die Hauptperson unserer Kurzgeschichte 14 Jahre alt war, Schwestern hat und trotz ihres jungen Alters bei Freunden in Berlin wohnt. Hast du schon bemerkt, dass es ein Mädchen sein muss? Sie schminkt sich nämlich. Auch für deine Vorstellung über den Mann bekommst du nur Anhaltspunkte:

„Unsympathisch war er nicht, eher schüchtern. Er nahm mich mit ins Restaurant und stellte mich seinen Freunden vor. Ein feines, ironisches Lächeln zog er zwischen sich und die anderen Menschen. Ich ahnte, was das Lächeln verriet. Einige Male durfte ich ihn bei seiner Arbeit besuchen. Er schrieb Drehbücher und führte Regie bei Filmen.“

Die Erzählerin kann nur erahnen, was das ironische Lächeln des Mannes zu bedeuten hat. Genauso kannst du als Leser einer Kurzgeschichte Rückschlüsse ziehen. Es bleibt dir überlassen, die Handlungen zu deuten und dir die Personen genauer vorzustellen.

„Zwei Jahre später, der Mann und ich waren uns noch immer etwas fremd, sagte er mir, er sei krank. Er starb ein Jahr lang, ich besuchte ihn im Krankenhaus und fragte, was er sich wünsche.“

Auch wenn die Handlungen der Kurzgeschichten immer im Alltag verankert sind, geht es um besondere Momente oder gravierende Einschnitte in das Leben von Personen. Es handelt sich um Konflikte, die jeden – zum Beispiel auch dich und mich – betreffen könnten. Jetzt hast du schon viele Anhaltspunkte, um herauszufinden, ob du eine Kurzgeschichte vor dir hast. Eins fehlt dir noch. Nämlich das Ende der Geschichte.

Wenn du eine Kurzgeschichte vor dir hast, wirst du keine Lösung für das Problem erfahren. Der Wendepunkt, die Pointe einer Kurzgeschichte ereignet sich meist ganz am Ende des Textes. Du erhältst eine neue, aber für die Deutung der gesamten Handlung wesentliche Information. Es kann passieren, dass diese den bis dahin von dir erwarteten Ausgang der Geschichte noch einmal komplett dreht oder für verschiedene Deutungsmöglichkeiten öffnet. Trotz der großen Bedeutung der Information wird weiter sachlich berichtet und nicht gewertet.

Kannst du ein solches Ende auch in unserem Textbeispiel “Streuselschnecke” finden? Schau dir den Text von Julia Frank doch mal an! Viel Spaß beim Lernen mit Kurzgeschichten! :)

28 Kommentare
  1. Hallo Supris1,
    für eine Interpretation tauchst du tief in den Inhalt und die Struktur eines Textes ein und deutest neben sprachlichen und erzählerischen Besonderheiten und Zusammenhängen auch Verhalten, Beziehungen und Kommunikation der vorkommenden Figuren. Unser Video 'Kurzgeschichten analysieren' sollte dir dabei eine gute Hilfe sein: https://www.sofatutor.com/deutsch/videos/kurzgeschichten-analysieren.
    Viele Grüße aus der Redaktion

    Von Carolin Kasper, vor 4 Monaten
  2. Wie schreibt man eine Interpretation einer Kurzgeschichte?

    Von Supris1, vor 4 Monaten
  3. Hallo Die Besten Bests,
    ich verstehe leider deine Frage nicht. Damit ich dir helfen kann, müsstest du deine Frage etwas genauer formulieren.
    Liebe Grüße aus der Redaktion

    Von Carolin Kasper, vor 7 Monaten
  4. wo sind die roten wörter

    Von Die Besten Bests, vor 7 Monaten
  5. hilfreich danke

    Von Zahra N., vor 9 Monaten
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Merkmale einer Kurzgeschichte Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Merkmale einer Kurzgeschichte kannst du es wiederholen und üben.

  • Beschreibe die wesentlichen sprachlichen Merkmale einer Kurzgeschichte.

    Tipps

    Der Name der Textsorte gibt bereits Aufschluss über sprachliche Merkmale.

    Lösung

    Wie der Name schon sagt, sind Kurzgeschichten oft nur wenige Seiten lang. Es gibt deshalb auch nur wenige lange Beschreibungen. Die Sätze werden meist knapp gehalten und geben oftmals nur allgemeine Informationen zu den Figuren, zum Setting oder zur erzählten Zeit, die dann vom Leser gedeutet werden müssen. Die Sprache ist an der Alltagssprache bzw. Umgangssprache, orientiert, was sich zum Beispiel am Gebrauch von Dialekten zeigt.

  • Nenne die Eigenschaften von Kurzgeschichten.

    Tipps

    Überlege, welche Eigenschaften auf das im Video erläuterte Beispiel für eine Kurzgeschichte zutreffen.

    Der Name der Textsorte gibt Aufschluss über einige ihrer wichtigen Eigenschaften.

    Lösung

    • Kurzgeschichten sind, wie ihr Name schon sagt, meist sehr kurz, also nur wenige Zeilen oder Seiten lang. Ein klares Maximum lässt sich für die Länge allerdings nicht festlegen.
    • Aufgrund der Kürze beträgt die erzählte Zeit oft nur Minuten oder Stunden. Es wird meist nur über eine Situation oder einen Aspekt des Lebens der Hauptfigur berichtet.
    • Die Aspekte und Situationen, die beschrieben werden, sind zwar meist bedeutend, aber sie sind nicht außergewöhnlich, sondern alltäglich.
    • In einer Kurzgeschichte wird man meist unvermittelt ins Geschehen geworfen und erfährt dadurch nicht sofort, wer warum wo ist. Die W-Fragen werden folglich häufig nicht in der Einleitung beantwortet.
    Kurzgeschichten zeichnen sich nicht immer durch alle diese Eigenschaften aus, aber wenn ein Text mehrere dieser Eigenschaften aufweist, dann ist es höchstwahrscheinlich eine Kurzgeschichte.

  • Vergleiche die Anfänge verschiedener Textsorten.

    Tipps

    In Fabeln sind Tiere die Hauptcharaktere.

    Sachtexte informieren über Dinge, liefern Fakten und beginnen meist damit, dass die Sache, über die informiert wird, genannt und beschrieben wird.

    Märchen fangen mit einer sehr berühmten Floskel an.

    Lösung

    Um die Anfänge verschiedener Textsorten zu unterscheiden, kannst du auf deine Leseerfahrungen und auf dein Vorwissen über Textsorten aufbauen. Die wichtigsten Eigenschaften von Texten zeigen sich meist schon am Beginn:

    • Märchen fangen sehr oft mit der Floskel Es war einmal an. So auch das Beispiel „Der Wolf und die sieben jungen Geislein“ von den Gebrüdern Grimm.
    • Kurzgeschichten haben meist keine Einleitung. Der Leser wird hier unmittelbar ins Geschehen hineingeworfen. Im Beispiel „Die Tochter“ von Peter Bichsel sitzt man direkt mit dem Ehepaar am Tisch und wartet, ohne genau zu wissen, wer die beiden eigentlich sind.
    • Fabeln erkennst du daran, dass Tiere die Hauptcharaktere sind, genau wie in Aesops Fabel „Der Löwe und das Mäuschen“.
    • Sachtexte informieren über Dinge, liefern Fakten und beginnen meist damit, dass die Sache über die informiert wird, genannt und beschrieben wird. In diesem Fall handelt es sich um einen Lexikonartikel über das Nilpferd.
    • Gedichte sind in Versen verfasst. Im Beispiel „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff von 1837 hilft dir auch der Reim beim Erkennen der Textsorte.
    Quellen:
    • Quelle: Gebrüder Grimm (1850): Der Wolf und die sieben Geislein.URL: http://www.maerchen.com/grimm/der-wolf-und-die-sieben-geisslein.php. [Abgerufen am 30.10.2014.].
    • Quelle: Bichsel, Peter (1964): Die Tochter.URL: http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/313936_0003.pdf. [Abgerufen am 30.10.2014].
    • Quelle: Aesop: Der Löwe und das Mäuschen. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/aesop-fabeln-1928/10.[Abgerufen am 30.10.2014].
    • Quelle: Tierenzyklopaedie (2014): Nilpferd. URL: http://www.tierenzyklopaedie.de/tiere/nilpferd.html. [Abgerufen am 30.10.2014].

  • Bestimme den Aufbau der Kurzgeschichte „San Salvador“ von Peter Bichsel.

    Tipps

    Lies dir zuerst alle Abschnitte durch und verschaffe dir einen Überblick über die gegebenen Informationen.

    Entscheide, welcher Abschnitt am ehesten den Anfang bzw. das Ende der Kurzgeschichte darstellt.

    Nutze Zeitangaben im Text zur Strukturierung.

    Lösung

    In dieser Aufgabe ist es wichtig, die Struktur des Textes zu erkennen. Zeitangaben im Text und Wörter wie dann oder nun können helfen, eine Struktur zu erkennen. Am besten entscheidet man zuerst, welcher Abschnitt den Anfang und welcher das Ende bildet. Da Kurzgeschichten einen unvermittelten Beginn und ein offenes Ende haben, fällt dies nicht so leicht wie bei anderen Textsorten. Hier bildet die Information über den Kauf der neuen Füllfeder den Beginn der Geschichte über Paul, der einen Brief an seine Frau Hildegard schreibt. Das Ende der Geschichte bleibt offen, denn man weiß zwar, dass Hildegard nach Hause kommt, aber man weiß nicht, ob sie den Brief je lesen wird und ob Paul wirklich nach Südamerika geht.

    Quelle der Kurzgeschichte: Bichsel, Peter (1964): San Salvador. URL: http://home.arcor.de/richardt/3-6.1.htm. [Abgerufen am 30.10.2014].

  • Nenne Merkmale der Figurengestaltung in Kurzgeschichten.

    Tipps

    Überlege, welche Eigenschaften auf die Figuren des im Video erläuterten Beispiels zutreffen.

    Überlege, was du über die Figuren in anderen Textsorten, wie zum Beispiel Märchen oder Romanen, weißt. Die Figurengestaltung in Kurzgeschichten unterscheidet sich von der in diesen Textsorten.

    Lösung

    In verschiedenen Textsorten werden unterschiedliche Typen von Figuren dargestellt, wodurch auch die Beschreibung der Figuren variiert. Am besten ist es, von dir bereits bekannten Texten auszugehen, um die typischen Eigenschaften von Figuren in Kurzgeschichten oder anderen Textsorten zu bestimmen.

    In Kurzgeschichten gibt es meist nur ein oder zwei Hauptpersonen. Im Text aus dem Video wären dies: das Mädchen und der Mann. Bei ihnen handelt es sich um normale Menschen wie dich und mich. Sie werden meist nicht genau beschrieben. Nur die wichtigsten Eigenschaften werden genannt. Es wird häufig nur eine Situation oder ein Aspekt aus ihrem Leben näher beleuchtet. Im Beispiel ist es die Beziehung der Erzählerin zu dem Mann.

    In anderen Textsorten, zum Beispiel in Märchen oder Romanen, kommen oft Helden vor, die genau beschrieben werden und deren Leben entweder vollständig oder zumindest in längeren Episoden erzählt wird. Außerdem gibt es häufig mehr als zwei Hauptpersonen. Die Personen in Romanen verändern im Gegensatz zu Personen in Kurzgeschichten oft ihren Charakter oder ihr Verhalten.

  • Analysiere die Kurzgeschichte.

    Tipps

    Schaue dir für die Analyse der Sprache beispielsweise besonders den zweiten Absatz der Geschichte an.

    Das Ende in Kurzgeschichten ist häufig dadurch charakterisiert, dass man nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht.

    In manche Lücken muss mehr als ein Wort eingesetzt werden.

    Lösung

    Um diese Aufgabe zu lösen, musst du einerseits die Merkmale einer Kurzgeschichte kennen und andererseits die Geschichte genau lesen.

    • Im Einleitungssatz der Analyse werden immer der Autor (Peter Bichsel), der Titel („San Salvador“), die Textsorte (Kurzgeschichte) und das Erscheinungsjahr (1964) genannt.
    • Ein wichtiges Merkmal, das zeigt, dass es sich um eine Kurzgeschichte handelt, ist natürlich der knappe Umfang. Der Text ist nur ca. eine Seite lang.
    • Wichtig für die Kurzgeschichte ist auch die fehlende Einleitung, also der plötzliche/überraschende Einstieg, der den Leser unvermittelt ins Geschehen wirft. In diesem Fall ist das Geschehen der Moment, in dem ein Mann seiner Frau einen Brief schreibt. Es ist eine Art Abschiedsbrief, denn er kündigt darin an, nach Südamerika zu gehen.
    • Das Ende der Kurzgeschichte ist offen und beinhaltet keine Lösung für das in der Geschichte aufgeworfene Problem. Der Leser erfährt nicht, ob Paul nach Südamerika geht und ob seine Frau den Brief je erhalten wird.
    • Die beiden Hauptpersonen dieser Geschichte sind das Ehepaar Paul und Hildegard. Sie sind gewöhnliche Menschen wie du und ich. Wir erfahren wenig über ihren Charakter. Man kann als Leser nur Schlüsse über die Personen anhand ihres Verhaltens ziehen.
    • Im Text wird eine alltägliche Situation beschrieben, nämlich ein Abend, genauer gesagt die gute halbe Stunde, in der Paul am Schreibtisch sitzend einen Brief an seine Frau schreibt, während er auf sie wartet.
    • Die Sprache, in der die Situation beschrieben wird, ist einfach. Es kommen beispielsweise kaum Adjektive oder komplizierte Formulierungen bzw. Satzstrukturen vor. Die Sätze sind größtenteils kurze und knappe Hauptsätze.
    Die Kombination all dieser Merkmale macht deutlich, dass es sich bei dem Text um eine Kurzgeschichte handeln muss. Wenn du eine Kurzgeschichte analysierst, solltest du all diese Punkte betrachten und möglichst auch am Text belegen.

    Quelle: Bichsel, Peter (1964): San Salvador. URL: http://home.arcor.de/richardt/3-6.1.htm. [Abgerufen am 30.10.2014].