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Urteilsbildung – Sach- und Werturteile

Bei der historischen Urteilsbildung geht es darum, historische Ereignisse objektiv zu betrachten und moralisch zu bewerten. Du lernst, wie man sachliche und wertende Urteile bildet. Neugierig? Entdecke alles im Text

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Historische Urteilsbildung – Definition

Bestimmt haben deine Großeltern schon öfter erzählt, dass damals alles anders war. Sie zeigen dir Fotos von früher, auf denen sie Kleidung tragen, die du heute niemals anziehen würdest. Vielleicht hatten sie auch einen Schulweg, den du heute niemals auf dich nehmen würdest. Das ist verständlich, denn in der Gegenwart gibt es natürlich ganz andere Modetrends oder Verkehrsmittel als zu der Zeit, als deine Großeltern mal so alt waren, wie du es jetzt bist. Um aber wirklich zu verstehen und bewerten zu können, wie deine Großeltern das alles wahrgenommen haben, müssen die heutige Sichtweise und die damalige Sichtweise getrennt betrachtet werden. So geht man auch bei der historischen Urteilsbildung vor.

Ein historisches Urteil ist eine begründete Stellungnahme zu einer historischen Fragestellung oder Problemstellung. Ein solches Urteil ist argumentativ untermauert und kann entweder einen sachlich-feststellenden oder moralisch-wertenden Charakter haben.

Historische Urteilsbildung – ein Fallbeispiel

Um überhaupt ein Urteil zu historischen Sachverhalten fällen zu können, betrachten wir die Geschichte unter einer gewissen Fragestellung, die wir beantworten möchten, bzw. werfen ein Problem auf, zu dem wir Stellung beziehen möchten.

In unserem Beispiel sollst du dich zu der problemorientierten Frage Otto von Bismarck – Nationalheld oder Kriegstreiber? positionieren.

Das Wirken Bismarcks als Gründer des Deutschen Kaiserreichs kann aus verschiedenen Perspektiven bewertet werden, auf die wir nun einen Blick werfen.

Historische Urteilsbildung – das Sachurteil

Bei der Bildung eines historischen Urteils beginnst du in der Regel mit dem sogenannten Sachurteil, da dieses, wie der Name andeutet, sachlich das betrachtete Ereignis oder die untersuchte Fragestellung beantworten möchte.

Ein Sachurteil bezieht sich auf historische Fakten und überprüfbare Informationen (die wir Quellen entnehmen können) und bringt diese in einen logischen Sinnzusammenhang. Es geht hierbei also um die Beurteilung, Erklärung und Verknüpfung von Ereignissen und Prozessen im historischen Kontext.

Dazu kann es hilfreich sein, mithilfe von Quellen und Darstellungen zunächst die historischen Fakten zu sammeln, die dir zu dem Sachverhalt einfallen. Für die Person Otto von Bismarck könnte das zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

  • Preußischer Ministerpräsident
  • Einigungskriege
  • Gründung des ersten Deutschen Nationalstaats
  • Reichskanzler ab 1871
  • Sozialgesetzgebung
  • Außenpolitische Bündnissysteme

Beim historischen Sachurteil geht es nun darum, diese überprüfbaren Fakten zunächst objektiv zu beschreiben und in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Wichtig dabei ist, diese innerhalb des historischen Kontexts zu bewerten. Das heißt, wir versuchen, unsere Perspektive zu wechseln und Ereignisse, Entwicklungen und Entscheidungen mit den Augen der damaligen Zeit nachzuvollziehen.

Du hast schon eine Idee? Überprüfe sie gerne, indem du die Klappbox öffnest!

Historische Urteilsbildung – das Werturteil

Da du nun die historischen Fakten und zeitgenössischen Perspektiven zu unserem Fallbeispiel kennst und miteinander im Zusammenhang betrachtet hast, kannst du diese subjektiv bewerten und nach heutigen Maßstäben einordnen – du fällst also ein Werturteil.

Das historische Werturteil beinhaltet eine Bewertung oder Interpretation von historischen Ereignissen und Prozessen, die unter Berücksichtigung heutiger moralischer Maßstäbe, Werte und Normen getätigt wird.

Um dein Werturteil argumentativ so plausibel wie möglich zu formulieren, solltest du auch hier zunächst sammeln, welche modernen moralischen Kritikpunkte es an der Politik Bismarcks geben könnte. Zum Beispiel:

  • Die Einigungskriege aggressiv und völkerrechtswidrig
  • Sozialgesetzgebung Maßnahme zur Beruhigung des politischen Gegners (Opportunismus), aber auch Grundlage für den Sozialstaat
  • Imperialismus expansionistisch und gegen Interessen der kolonialisierten Völker, rassistisches Menschenbild

Wie du die einzelnen Punkte eines historischen Sachverhalts aus heutiger Sicht bewertest, bleibt deinem persönlichen moralischen Empfinden überlassen. Wichtig ist, dass deine Argumente schlüssig sind.

Schaue gerne nach, ob deine Idee für ein Werturteil schon in die richtige Richtung geht!

Historische Urteilsbildung in der Geschichtsklausur

Wählst du in der Oberstufe Geschichte als schriftlichen Kurs, wirst du in den Klausuren Sach- und Werturteile zu Personen oder historischen Ereignissen fällen müssen.

Dies entspricht in der Regel dem Anforderungsbereich III, also der dritten Aufgabe in deiner Klausur. Mögliche Operatoren hierfür sind:

  • beurteilen
  • bewerten, Stellung nehmen
  • entwickeln
  • sich auseinandersetzen, diskutieren
  • (über-)prüfen
  • vergleichen

Du wirst also eine historische Quelle (in der Regel eine Schriftquelle wie z. B. eine Rede oder einen Tagebucheintrag) bekommen, deren Inhalt du (1.) reproduzierst (wiedergeben), (2.) transferierst (in den historischen Kontext einordnen) und (3.) reflektiert bewertest, also ein begründetes Urteil abgibst. Insgesamt ergeben die drei Aufgabenteile dann die sogenannte Quellenanalyse oder Quellenkritik.

Historische Urteilsbildung – Zusammenfassung

Historische Urteilsbildung...

  • ... hat das Ziel, Ereignisse der Geschichte zunächst sachlich und neutral zu bewerten.
  • ... verlangt eine Unterscheidung zwischen zeitgenössischer Perspektive (Sachurteil) und heutiger Perspektive (Werturteil).
  • ... hat einen Mehrwert für das Bewusstsein demokratischer Gesellschaften.
Sachurteil Werturteil
Urteil stellt sachlich fest, mit transparenter Begründung. Urteil bewertet moralisch, nach heutigen Wertmaßstäben.
Historische Strukturen und Zusammenhänge werden erklärt. Historische Strukturen und Zusammenhänge werden bewertet.
Urteil ist sachbezogen und aus der damaligen Perspektive formuliert. Urteil mit Darlegung der eigenen Position ist auf Gegenwart bezogen.
Teste dein Wissen zum Thema Historische Urteilsbildung!

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Vorschaubild einer Übung

Urteilsbildung – Sach- und Werturteile Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Lerntext Urteilsbildung – Sach- und Werturteile kannst du es wiederholen und üben.
  • Tipps

    Ein Urteil unterscheidet sich von einer reinen Meinung durch eine wichtige Eigenschaft.

    Die Wertung von historischen Ereignissen oder Prozessen setzt immer den Bezug auf gesellschaftliche Normen oder persönliche Werte voraus.

    Lösung

    Ein historisches Urteil ist eine begründete Stellungnahme zu einer historischen Fragestellung. Es soll nicht spontan, sondern mit nachvollziehbaren Argumenten formuliert werden. Dabei lassen sich zwei Arten von Urteilen unterscheiden. Das Sachurteil stützt sich auf überprüfbare Fakten aus Quellen und ordnet historische Ereignisse in ihren Zusammenhang ein. Es versucht, Geschichte aus einer damaligen Perspektive heraus zu verstehen. Davon zu unterscheiden ist das Werturteil, das auf dem Sachurteil aufbaut und historische Ereignisse nach heutigen moralischen Maßstäben bewertet. Die Unterscheidung dieser beiden Urteilstypen ist idealtypisch. In der Praxis sind die Grenzen zwischen Sach- und Werturteil fließend.

  • Tipps

    Eine Kategorie beschreibt das Verstehen, die andere das Bewerten. Wo geht es nur ums Verstehen?

    Begriffe wie „Grundgesetz" oder „Menschenrechte" sind moderne Bezugsrahmen.

    Lösung

    Ein Sachurteil nimmt verstärkt „damalige“ Perspektiven ein. Ein Sachurteil greift auf Quellen der Epoche zurück, nimmt die zeitgenössische Sicht ein, stellt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge dar und berücksichtigt die damals geltenden Normen.

    Ein Werturteil ist auf aktuelle Wertvorstellungen ausgerichtet. Ein Werturteil bezieht sich auf gegenwärtige Maßstäbe wie das Grundgesetz, argumentiert mit Menschenrechten, bewertet nach heutiger Moral und macht die persönliche Haltung deutlich.

    Wichtig: Die Grenze zwischen Sach- und Werturteil ist fließend. Sachurteile können Komponenten eines Werturteils enthalten und andersherum. Hier ist auch und gerade in der Fachwissenschaft nicht immer eine eindeutige Trennschärfe gegeben.

  • Tipps

    Werturteile enthalten häufig Signalwörter wie „aus heutiger Sicht", „nach heutigen Maßstäben" oder „gemessen an heutigen Werten".

    Sachurteile beschreiben Wirkungen, Funktionen oder zeitgenössische Wahrnehmungen aus der Logik der damaligen Akteure heraus.

    Auch ein zeitgenössisches Lob (z. B. „galt als Nationalheld“) ist ein Sachurteil, solange es keine moderne Bewertung enthält.

    Lösung

    grün (Sachurteile):

    • Bismarck führte zwischen 1864 und 1871 drei Kriege, die zur Reichsgründung beitrugen.
    • Für viele Zeitgenossen galt Bismarck als Nationalheld, der die ersehnte deutsche Einigung schuf.
    • Die Sozialgesetzgebung diente zeitgenössisch auch dazu, die Arbeiterbewegung politisch zu beruhigen.
    • Bismarcks Bündnispolitik sicherte aus damaliger europäischer Sicht den Frieden zwischen den Großmächten.

    gelb (Werturteile):

    • Nach aktuellem Recht sind die von ihm geführten Einigungskriege völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen.
    • Sein rassistisches Menschenbild im Rahmen der Kolonialpolitik ist nach heutigen Maßstäben klar zu verurteilen.
    • Die Sozialversicherung als wichtige Grundlage des modernen Sozialstaats gewürdigt werden. -> Hier wird in erster Linie ein Werturteil aus heutiger Perspektive formuliert. Die Aussage enthält auch Eigenschaften eines Sachurteils, insofern, dass ein Kausalzusammenhang im historischen Prozess der Sozialgesetzgebung erläutert wird.
    • Gemessen an heutigen Werten erscheint sein Politikstil oft als rücksichtslos und machtorientiert.
  • Tipps

    Das Prinzip ist eine logische Aufbaureihenfolge: Verstehen kommt vor Einordnen, Einordnen vor Bewerten.

    Überlege, womit jede ernsthafte Analyse beginnen muss, bevor man sich überhaupt eine Meinung bilden kann.

    Das Urteil steht am Ende des Prozesses, nicht am Anfang. Ohne Vorarbeit wäre es nicht begründet.

    Lösung
    1. Nennung der formalen Quellenmerkmale: Der erste Arbeitsschritt besteht darin, die wichtigsten Eigenschaften der Quelle wie Quellenart, Verfasser, Zeitpunkt, Ort und Adressaten anzubringen und kurz zu beschreiben.
    2. Reproduktion und Intention: Zunächst musst du verstehen und zeigen, was in der Quelle steht. Ohne diesen Schritt fehlt jede inhaltliche Grundlage. Hinzukommt üblicherweise eine Beschreibung der Absicht der Autorin bzw. des Autors.
    3. Einordnung in den Kontext, Beginn des Transfers: Anschließend ordnest du die Quelle in ihre Zeit ein – ohne Kontextwissen kannst du sie nicht richtig deuten. Du verknüpfst die Quelle mit den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen, um die Aussagen tiefer zu verstehen.
    4. Abwägen der Perspektiven, Vorbereitung des Urteils: Vor dem eigenen Urteil müssen verschiedene Sichtweisen auf den beschriebenen Sachverhalt gegeneinander abgewogen werden.
    5. Urteil: Erst auf dieser Basis ist ein begründetes Urteil möglich – also der Abschluss der Quellenkritik durch Sach- oder Werturteile.
  • Tipps

    Achte darauf, dass ein historisches Urteil zwei verschiedene Formen annehmen kann.

    Überlege: Was unterscheidet ein historisches Urteil von einer reinen Meinung?

    Lösung

    Historische Urteile sind immer begründete Stellungsnahmen, die sich auf historische Sachverhalte beziehen und mit Argumenten untermauert werden. Ein solches Urteil kann sachlich-feststellend (Sachurteil) oder moralisch-wertend (Werturteil) sein.

  • Tipps

    Frage bei jeder Aussage zuerst: Wird hier mit damaligen oder heutigen Maßstäben gearbeitet?

    Werturteile enthalten oft moderne Wertbegriffe wie Selbstbestimmung, Rassismus oder Menschenrechte. Achte gezielt auf solche Signalwörter.

    Achtung: Eine reine Faktenwiedergabe ist gar kein Urteil – auch das ist eine mögliche Falle bei dieser Aufgabe.

    Lösung

    A und E sind Werturteile und damit richtig.

    • A ist ein Werturteil, weil es Bismarcks Wortwahl nach dem heutigen Maßstab des Antirassismus bewertet.
    • E ist ein Werturteil, weil es die Konferenz am modernen Maßstab des Selbstbestimmungsrechts der Völker misst.
    Nicht als Werturteil zu werten sind:

    • B ist ein Sachurteil: Es ordnet die Rede in den diplomatischen Kontext der damaligen europäischen Großmachtpolitik ein und stellt einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang her, ohne moderne Wertmaßstäbe anzulegen.
    • C ist ein Sachurteil: Die Aussage ist in erster Linie ein Sachurteil, weil es der humanitären Rhetorik eine verschleiernde Funktion zuschreibt – eine strategische Einordnung der Argumentationsweise die in erster Linie im historischen Kontext zu verorten ist und durch diesen verständlich wird.
    • D ist ein Sachurteil: Es analysiert die Wirkung der Rhetorik im damaligen Diskurs, also wie die Rede zeitgenössisch koloniale Ansprüche legitimierte – eine eigenständige historische Analyse aus zeitgenössischer Perspektive.
    • F ist weder Sach- noch Werturteil, sondern eine reine Faktenwiedergabe zum Datum der Rede. Ein Urteil setzt eine begründete Stellungnahme voraus, die hier fehlt.
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