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Naturalismus – Überblick

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Deutsch-Team
Naturalismus – Überblick
lernst du in der Oberstufe 7. Klasse - 8. Klasse - 9. Klasse

Naturalismus – Überblick Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video Naturalismus – Überblick kannst du es wiederholen und üben.
  • Fasse zusammen, welche Auffassung von der Kunst der Naturalismus vertritt.

    Tipps

    Der Naturalismus ähnelt in der Darstellungsweise dem Realismus. Er erfährt aber eine Erweiterung der Thematiken und Stoffe sowie Recherchemethoden.

    Lösung

    Die Epoche des Naturalismus ging von 1880 bis ca. 1900. Sie folgte auf den Realismus und hat ähnliche Darstellungskonventionen: Die möglichst realistische und objektive Wiedergabe der Realität. Dazu gehörten präzise Beschreibungen von Räumen, Personen und Ereignissen; im Unterschied zum Realismus blendete der Naturalismus aber nicht die dringlichen sozialen Probleme aus, die die Gesellschaften der Zeit plagten: Er hatte sich zum Ziel gesetzt, auch das Hässliche, Marginalisierte und Unterprivilegierte abzubilden. Damit leistete er einen wertvollen Beitrag, denn bis dahin wurde das Hässliche, das Kranke, die Unterschicht immer ästhetisiert und schöngeredet. Die Probleme, die die industrielle Revolution, die Verstädterung, die Massenarmut und Arbeitslosigkeit sowie der rasante technische Fortschritt aufwarfen, konnten aber nicht unkommentiert stehen gelassen werden. Das Vertrauen auf die sich rasch entwickelnden Naturwissenschaften schuf dabei ein deterministisches Bild vom Menschen: Der Mensch war in seinem Handeln stark eingeschränkt, durch die Geschichte, durch Gene und durch sein soziales Milieu beschränkt. Diese Determiniertheit führte zu einem eher pessimistischen Weltbild der Naturalisten, die für die Probleme keine Lösungen boten.

  • Bestimme typische Charakteristika der naturalistischen Prosa und Lyrik, sowie des Dramas.

    Tipps

    Überlege, wo welches Stilmittel am besten eingesetzt werden kann: Ist es eher für Prosatexte, für Gedichte oder für Dramen geeignet? Welche Merkmale finden sich bei allen drei?

    Lösung

    Der Naturalismus schuf in seinen Gattungen ganz eigene Ausprägungen:

    • Das Drama, die wichtigste der drei Gattungen, forderte statt Monologen, wie sie davor existierten und die niemals realistisch sein konnten, umfangreiche Regieanweisungen. Außerdem fand das Enthüllungs- und Entdeckungsdrama große Verbreitung.
    • Für die weniger bedeutende Lyrik, die vor allem in Arno Holz einen Repräsentanten fand, war die Mittelachszentrierung und der häufige Verzicht auf Reim und Metrum typisch, aber nicht notwendig.
    • In der Prosa wurde der Sekundenstil, personales Erzählen und die mit der erzählten Zeit deckungsgleiche Erzählzeit typisch. Außerdem fanden eher kleinere Prosaformate wie Skizzen, Studien oder Novellen Verbreitung.
    Was aber alle drei Gattungen teilten, das typisch Naturalistische, das war die realistische Detailiertheit, die mit naturwissenschaftlichen Methoden festgelegte Determiniertheit und gleichzeitig der thematische Schwerpunkt auf die Großstadt und soziale Probleme.

  • Untersuche den folgenden Textausschnitt auf naturalistische Charakteristika.

    Tipps

    Achte auf die Beschreibung von Räumen, Orten, Sinneseindrücken, das Verhalten von Personen: Der/die Erzähler/-in versucht, ein realistisches Bild zu vermitteln.

    Lösung

    Der Naturalismus zeigte sich in Deutschland besonders in Werken von Gerhart Hauptmann. Wie beim Realismus verschrieb er sich der naturalistischen Ansicht, die Realität könne man objektiv erfassen und durch genaue Beschreibungen zugänglich machen. Anders als der Realismus setzte er diese Objektivität allerdings ein, um eine kritische Position zu bestimmten wichtigen Themen einzunehmen. Von einer nüchternen, objektiven Betrachtung erhoffte man sich mehr Klarheit und Gehör.

    Der obige Ausschnitt stammt aus dem „Bahnwärter Thiel“. Die genaue Beschreibung des Geschehens, die Vermittlung von lautlichen und visuellen Eindrücken, Gedanken, Handlungen, beschrieben im Sekundenstil oder in annähernd sich deckender Erzählzeit und erzählter Zeit, dazu die Mittel des Dialogs, ein Gespräch natürlich wirken zu lassen: Ausrufe, Umgangssprache, Sprechpausen, rhetorische Fragen etc.; außerdem die Thematisierung eines sozialen Problems; all dies macht den obigen Ausschnitt naturalistisch.

    Quelle: Hauptmann, Gerhart (1888): Bahnwärter Thiel.

  • Ordne den Werktiteln die passenden Zusammenfassungen zu.

    Tipps

    Achte auf die Details der Erzählungen: Wer könnten die Protagonist/-innen sein? Worum geht es? An welchem Ort spielt die Handlung?

    Lösung

    Naturalistische Werke behandeln meist soziale Missstände. Mit ihrer präzisen Beobachtungsgabe schafften es ihre Anhänger, Themen in den Fokus zu rücken, die davor außerhalb der Literatur zu verhandeln waren.

    • Im „Bahnwärter Thiel“ geht es beispielsweise um einen Bahnwärter, der verrückt wird, als er erfährt, dass sein Sohn vom Zug überfahren wurde; er begeht daraufhin einen schrecklichen Mord und bringt seine zweite Frau und ihr Baby um.
    • In „Vor Sonnenaufgang“ geht es um einen Mann, der über die miserablen Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter aufklären will; bei seinen Gastgeber/-innen angekommen, stößt er allerdings nicht auf freundliche Worte: Sein ehemaliger Freund steckt selbst in der Geschichte drin; dessen Frau will fliehen, muss aber sterben.
    • In „Die Weber“ geht es um den Weberaufstand in Schlesien 1844. Die Weber waren von der industriellen Revolution besonders hart betroffen. Ganze Bevölkerungsgruppen mussten am Hungertuch nagen.
    • In „Papa Hamlet“ muss sich ein ehemals berühmter, nun aber arbeitsloser und mittelloser Schauspieler mit seinem Größenwahn herumschlagen. Das Stück ist ironisch gespickt mit Shakespeare-Zitaten.
    • In „Gespenster“ von Ibsen flieht eine Frau im ersten Ehejahr von ihrem untreuen Mann zu einem Geistlichen. Jahre später und nach dem Tod ihres Mannes baut sie scheinbar im Gedenken an ihren Mann ein Waisenhaus und verstrickt sich in ihren Lebenslügen.
    • „Les Rougot-Macquart“* ist eines der bedeutendsten naturalistischen Werke. Es behandelt die weitverzweigte Geschichte einer französischen Familie in Zeiten des Zweiten Kaiserreichs.

  • Bestimme die naturalistischen Werke der genannten Autoren.

    Tipps

    Die Weber in Hauptmanns Drama kommen zwar aus Schlesien, aus dem Titel heraus kann man dies jedoch nicht erraten.

    Lösung

    Der Naturalismus war ein europaweites Phänomen. Ursprünglich stammte er aus Frankreich:

    • Emile Zolas im Sekundenstil geschriebenes, vielseitiges Werk „Les Rougon-Macquart“ wird als Anfangspunkt der Epoche angesehen.
    • Schnell breitete sich der durch den Positivismus der Naturwissenschaften befeuerte realistische Stil aus. Zum Beispiel nach Norwegen, wo Henrik Ibsen seine genialen Dramen schrieb, u. a. „Nora“ und „Gespenster“.
    • In Deutschland ist ein bedeutender Vertreter Gerhart Hauptmann, der als Dramatiker und Novellist die naturalistische Schreibweise umsetzte und mit Werken wie „Bahnwärter Thiel“, „Die Weber“ oder „Vor Sonnenaufgang“ Berühmtheit erlang.
    • Arno Holz, der fast einzige berühmte naturalistische Lyriker, schrieb zusammen mit Johannes Schlaf über den größenwahnsinnigen Schauspieler in „Papa Hamlet“.

  • Bestimme, welche der Gedichte naturalistisch sind und welche nicht.

    Tipps

    Achte auf eventuell realistische Darstellung, Umgangssprache, unregelmäßiges Metrum und reimlose Form - aber auch auf Themen wie Sozialkritik, Naturschilderung, Vertrauen in Fortschritt und Wissenschaft.

    Lösung

    Zwei der vier obigen Gedichte sind naturalistisch; beide stammen von Arno Holz, einem der bekanntesten naturalistischen Lyriker. Woran erkennen wir sie?

    • Das erste Gedicht hat eine sehr unregelmäßige, reimlose Form. Zusammen mit der nur subtil romantischen Naturbebilderung und dem realistischen Sprechen nachempfundenen Versbau spricht das für den Naturalismus. Auch die sorgfältige Interpunktion ist ein Hinweis darauf, denn die drei Punkte sind an bestimmte Stellen gesetzt, um beabsichtigte Sprechpausen zu kennzeichnen.
    • Das zweite Gedicht ist zwar nicht formal als naturalistisch zu bezeichnen, dafür aber umso mehr thematisch. Allein der Titel „Einem Fortschrittsleugner“ weist auf die Philosophie der Naturalisten hin. Denn sie waren davon überzeugt, dass mit den Beobachtungsmethoden der Naturwissenschaften und Erfindungen im Bereich der Technik viele der scharfen sozialen Probleme beseitigt werden könnten, um allen ein besseres Leben zu bieten.
    Die anderen zwei Gedichte sind recht eindeutig nicht naturalistisch:
    • Das dritte Gedicht stellt die Ruhe der Natur in Verbindung mit der Ruhe des Menschen: Dem Menschen ist es möglich, in Harmonie mit der Natur zu leben. Es findet sich keine Spur eines gestörten Verhältnisses zu sich selbst wie es in den meisten Gedichten der Moderne auftaucht. Der romantisch geprägte Klang der Reime und Wörter sprechen für ein vorrealistisches, also romantisches oder klassisches Gedicht.
    • Das vierte Gedicht kann man aufgrund seiner Weltuntergangs- und Großstadtthematik und seiner metaphorisch-freien Sprache als expressionistisches Beispiel erkennen.
    Quellen:
    • Holz, Arno (1926): Zwölf Liebesgedichte.
    • Holz, Arno (1886): Einem Fortschrittsleugner. Buch der Zeit.
    • Goethe, Johann Wolfgang (1780): Abendlied.
    • Heym, Georg (1910): Der Gott der Stadt.

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