Besiedlungsgeschichte Amerikas: Indigene Völker, europäische Kolonisation und ihre Folgen
- Amerikas Besiedlungsgeschichte
- Amerika vor 1492 – ein Kontinent, der längst besiedelt war
- Landübernahme und Aufteilung des Doppelkontinents – Kolonisation
- Kolonialstädte und die Lage der großen Städte
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Lerntext zum Thema Besiedlungsgeschichte Amerikas: Indigene Völker, europäische Kolonisation und ihre Folgen
Amerikas Besiedlungsgeschichte
Zoome einmal in einem Kartendienst über Mexiko-Stadt, Lima oder Havanna. Dir fällt sofort ein Muster auf: schnurgerade Straßen, die sich im rechten Winkel kreuzen, und mitten in der Altstadt ein großer rechteckiger Platz mit einer Kirche an einer Seite. Dasselbe Muster findest du in Dutzenden Städten zwischen Kalifornien und Argentinien – aber kaum in europäischen Altstädten, die verwinkelt gewachsen sind. Solche Muster entstehen nicht zufällig. Sie sind Spuren einer Zeit, in der europäische Staaten den Doppelkontinent in Besitz nahmen und nach Plan formten. In diesem Text erfährst du, wer vor 1492 in Amerika lebte, wie die Landübernahme ablief und warum du ihre Folgen heute an Sprachenkarten und Stadtplänen ablesen kannst.
Amerika vor 1492 – ein Kontinent, der längst besiedelt war
Amerika war bei der Ankunft der Europäer kein unbesiedelter Ort. Nach heutigem Forschungsstand wanderten vor mindestens 15 000 Jahren Menschen aus dem Nordosten Asiens ein. Möglich war das, weil während der Eiszeit viel Wasser in Gletschern gebunden war: Der Meeresspiegel lag rund 100 Meter tiefer, sodass der flache Meeresboden im Bereich der heutigen Beringstraße trockenlag und eine Landbrücke nach Alaska bildete. Von dort breiteten sich Gruppen über beide Teilkontinente bis nach Patagonien aus.
Als indigene Völker bezeichnet man Bevölkerungsgruppen, die als Erste in einem Raum siedelten und dort eigene Sprachen, Kulturen und Gesellschaftsordnungen entwickelten, bevor dieser Raum von einer fremden Macht in Besitz genommen wurde.
Der Begriff fasst Hunderte sehr unterschiedliche Gesellschaften zusammen – vor 1492 wurden in Amerika über tausend Sprachen gesprochen. Wie diese Gesellschaften lebten, hing eng vom Naturraum ab: Klima und Vegetation bestimmten, welche Nahrungsquellen überhaupt zur Verfügung standen. Davon hing die Wirtschaftsweise ab – also ob eine Gruppe jagte und sammelte oder Ackerbau betrieb. Die Wirtschaftsweise wiederum entschied darüber, ob die Menschen nomadisch lebten und umherzogen oder dauerhaft an einem Ort siedelten und wie viele Menschen ein Gebiet ernähren konnte.
In der arktischen Kältezone Nordkanadas verhindert der dauerhaft gefrorene Boden jeden Ackerbau. Die Inuit lebten deshalb von Robben- und Karibujagd, sowie vom Fischfang und zogen oft in kleinen Gruppen umher – die Bevölkerungsdichte blieb sehr gering. Im tropischen Hochland Mittelamerikas dagegen erlaubten fruchtbare Vulkanböden und ausreichende Niederschläge intensiven Maisanbau. Dort entstanden mit den Städten der Maya und Azteken Zentren mit Zehntausenden Einwohnenden, Schrift und Kalendern. Im Andenraum bewirtschafteten die Inka Steilhänge mit Terrassenfeldern und verbanden ihr Reich über ein Straßennetz von mehreren Tausend Kilometern.
Landübernahme und Aufteilung des Doppelkontinents – Kolonisation
1492 erreichte Christoph Kolumbus im Auftrag Spaniens eine Insel der Bahamas. Aus diesem Kontakt wurde innerhalb weniger Jahrzehnte eine systematische Inbesitznahme.
Kolonisation bezeichnet die dauerhafte Inbesitznahme eines fremden Gebiets durch einen Staat, der dort Menschen ansiedelt, die Herrschaft ausübt und Land sowie Rohstoffe für eigene Zwecke nutzt.
Die Interessen dahinter waren vor allem wirtschaftlich: Edelmetalle wie das Silber der Anden, tropische Anbauflächen für Zucker und später Kaffee, Pelze im Norden und Land für auswandernde Siedlerfamilien. Wo welche Kolonialmacht zugriff, entscheidet noch heute darüber, welche Sprache in einem Land Amtssprache ist.
| Kolonialmacht | Schwerpunktraum | Wirtschaftliches Interesse | Amtssprache heute |
|---|---|---|---|
| Spanien | Mittelamerika, Karibik, Andenraum, Südamerika (außer Brasilien) | Silber- & Goldbergbau, Großgrundbesitz (Haciendas), Zuckerrohr | Spanisch (von Mexiko bis Chile/Argentinien) |
| Portugal | Brasilien | Brasilholz, Zuckerrohr-, Gold-/Diamantenabbau, später Kaffee | Portugiesisch (Brasilien) |
| Großbritannien | Ostküste Nordamerikas, Karibik (z. B. Jamaika, Barbados) | Tabak-, Baumwoll- & Zuckerplantagen, Ackerbau, Handel | Englisch (USA, Kanada, Teile der Karibik, Guyana) |
| Frankreich | Sankt-Lorenz-Raum (Neufrankreich), Louisiana, Karibik (Haiti) | Pelzhandel, Fischerei, Zucker- & Kaffeeplantagen | Französisch (Québec, Haiti, Französisch-Guayana u. a.) |
Dass die Eroberung so schnell gelang, lag nicht an militärischer Stärke allein. Entscheidend waren die aus Europa eingeschleppten Krankheiten wie Pocken, Masern und Grippe: Weil diese Erreger in Amerika unbekannt waren, fehlte der indigenen Bevölkerung die spezifische Immunität. Die Folge waren Epidemien, die die Bevölkerung in einigen Regionen innerhalb weniger Generationen um bis zu 90 Prozent schrumpfen ließen. Damit brachen auch Verwaltung, Wirtschaft und Verteidigung der großen Reiche zusammen. Diese geschwächten Strukturen machten es möglich, dass kleine europäische Truppen mit Pferden, Feuerwaffen und einheimischen Verbündeten die Herrschaft übernehmen konnten. Da auf den Plantagen Arbeitskräfte fehlten, verschleppten europäische Händler zudem Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika – vor allem nach Brasilien und in die Karibik, wo ihre Nachkommen heute große Bevölkerungsgruppen bilden.
Kolonialstädte und die Lage der großen Städte
Damit zurück zum Schachbrettmuster aus der Einleitung. Die spanische Krone gab für neu gegründete Städte feste Bauvorschriften vor: ein rechtwinkliges Straßenraster, in der Mitte ein großer Hauptplatz, die Plaza Mayor, und an dessen Rändern Kathedrale und Verwaltungsgebäude. Der Grundriss war also Ausdruck von Herrschaft – Kirche und Behörden standen buchstäblich im Zentrum. Mexiko-Stadt wurde dabei direkt auf den Ruinen der Aztekenhauptstadt Tenochtitlán errichtet, was zeigt, wie bewusst an bestehende Zentren angeknüpft wurde. In Nordamerika entstand das Rastermuster später und aus anderem Grund: Bei der Erschließung des Westens ließen sich rechtwinklig vermessene Flächen leichter verkaufen, weshalb Städte wie Denver ebenfalls im Raster angelegt wurden.
Vor allem in Lateinamerika folgt auch die Lage der Großstädte der Kolonialzeit. Weil die Kolonien ganz auf den Export nach Europa ausgerichtet waren, entstanden die wichtigsten Städte als Häfen an den Küsten. Verkehrswege wurden vor allem vom Hafen ins Hinterland gebaut, kaum aber zwischen den Regionen – so bündelten sich Verwaltung, Handel und später auch Industrie an der Küste. Genau dieses Muster zeigt eine Bevölkerungsdichtekarte Amerikas noch heute: dicht besiedelte Säume an Atlantik und Pazifik, dünn besiedelte Räume im Inneren, etwa im Amazonasbecken.
Ein Beispiel: Rio de Janeiro entstand als Hafen für den Export nach Europa – wie viele Millionenstädte Lateinamerikas liegt es direkt an der Küste.

Indigene Bevölkerung heute
Wie viele Menschen sich heute als indigen bezeichnen, unterscheidet sich stark von Land zu Land. Die folgenden Werte stammen aus nationalen Volkszählungen und beruhen auf Selbstauskunft.
| Land | Anteil der indigenen Bevölkerung (etwa) |
|---|---|
| Guatemala | 44 % |
| Bolivien | 40 % |
| Peru | 26 % |
| Mexiko | 20 % |
| Kanada | 5 % |
| Brasilien | unter 1 % |
Hohe Anteile findest du dort, wo vor 1492 dicht besiedelte Agrargesellschaften lebten und vergleichsweise wenige Europäer einwanderten, weil das Interesse vor allem dem Bergbau galt – also im Hochland Mittelamerikas und in den Anden. Niedrige Anteile findest du in Räumen, die zu Siedlungskolonien mit starker europäischer Einwanderung wurden. Hinzu kommt, dass die Werte auf Selbstidentifikation beruhen: In Kanada sind sie in den letzten Jahrzehnten gestiegen, weil indigene Herkunft heute offener anerkannt wird.
Gleichzeitig ist die räumliche Situation vieler indigener Gruppen von Konflikten geprägt. In Kanada leben Teile der First Nations in sogenannten Reservaten (reserves). In den USA bestehen für zahlreiche indigene Nationen ebenfalls Reservationen. In Brasilien und Peru wurden große indigene Schutzgebiete eingerichtet, deren Regenwälder häufig besser erhalten sind als die Flächen außerhalb. Damit rücken sie in Diskussionen um Nachhaltigkeit und Klimaschutz in den Vordergrund, geraten aber auch unter Druck durch Bergbau, Straßenbau und Sojaanbau.
Ausblick – das lernst du nach der Besiedlungsgeschichte Amerikas
Als Nächstes schaust du dir an, wie sich Städte in der Gegenwart verändern: Du lernst die Verstädterung und Urbanisierung kennen und die Ausbreitung der Städte in die Umgebung (Suburbanisierung).
Zusammenfassung zum Thema Besiedlungsgeschichte Amerikas
- Amerika ist seit mindestens 15 000 Jahren besiedelt. Die Einwanderung erfolgte über die eiszeitliche Landbrücke im Bereich der Beringstraße.
- Indigene Völker bildeten über tausend Sprachgemeinschaften mit Wirtschaftsformen, die an den jeweiligen Naturraum angepasst waren – von der Jagd der Inuit bis zum Terrassenfeldbau der Inka.
- Kolonisation meint die dauerhafte Inbesitznahme fremder Gebiete. Wirtschaftliche Interessen waren Edelmetalle, Plantagenflächen, Pelze und Siedlungsland.
- Entscheidend für den schnellen Erfolg der Eroberung waren eingeschleppte Krankheiten mit Bevölkerungsverlusten von bis zu 90 Prozent.
- Die koloniale Aufteilung erklärt die heutige Sprachenverteilung.
- Kolonialstädte folgen einem Schachbrettraster mit zentraler Plaza Mayor. Die Konzentration der Großstädte an den Küsten geht auf die Exportausrichtung der Kolonialzeit zurück.
- Die indigenen Bevölkerungsanteile reichen von unter 1 % in Brasilien bis über 40 % in Guatemala und Bolivien und spiegeln die unterschiedliche Besiedlungsgeschichte.
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