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Irrungen, Wirrungen (Fontane)

Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Theodor Fontane den gesellschaftskritischen Roman „Irrungen, Wirrungen“ über die unglückliche Liebesbeziehung zwischen dem adligen Botho und der bürgerlichen Lene.

Ende des 19. Jahrhunderts schrieb Theodor Fontane den gesellschaftskritischen Roman „Irrungen, Wirrungen“ über die unglückliche Liebesbeziehung zwischen dem adligen Botho und der bürgerlichen Lene. Erfahre hier, warum der Roman zur Zeit seiner Veröffentlichung für Aufregung sorgte und noch heute zu einem der bedeutendsten Werke des Realismus zählt.

Kurze Zusammenfassung

Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ umfasst 26 Kapitel. Das Stück spielt in den Jahren 1875 – 1878 in Berlin. Im ersten Teil wird beschrieben, wie sich die Hauptfiguren Lene und der adlige Botho ineinander verlieben. Doch schon nach drei Monaten trennt sich Botho von seiner Lene, auf Nachdruck seiner Herkunft und seiner Familie. Im zweiten Teil, ab Kapitel 16, werden dann die einzelnen Wege von Lene und Botho dargestellt. Lene wird die Dame vom Fabrikmeister Gideon und Botho heiratet seine adlige Cousine Käthe.

Inhaltsangabe

Der Roman „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane ist in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden. Im Mittelpunkt des Romans steht das Liebesverhältnis der beiden Hauptfiguren Magdalene Nimptsch, von allen nur Lene genannt, und Baron Botho Freiherr von Rienäcker. Lene ist ein einfaches Mädchen, das als Büglerin ihr Geld verdient. Für damalige Verhältnisse erscheint ihre Liebe zum adeligen Offizier Botho nicht angemessen. Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit, ist intensiv, aber aufgrund des Ständeunterschieds ohne jede Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Die preußische Gesellschaft hat sich vom Ständedenken noch nicht befreit, eine Eheschließung zwischen Adligen und Bürgern ist daher undenkbar.

Die beiden begegnen sich das erste Mal bei einem Bootsausflug und sind seitdem ein Paar. Der vertrauenswürdige Botho ist ein gern gesehener Gast in der Gärtnerei, in der Lene und ihre Pflegemutter leben. Höhepunkt der Liebesbeziehung scheint die gemeinsame Liebesnacht im Lokal Hankels Ablage zu sein. Doch dieses Ereignis bedeutet auch den Wendepunkt der Geschichte. Lene und Botho werden von drei Kameraden Bothos ertappt, und Botho kann angesichts der nicht standesgemäßen Liebschaft nur schwer die Fassung wahren. Darüber hinaus lässt ihn ein Brief seiner Mutter die Beziehung zu Lene überdenken. Bothos Mutter drängt ihn zur Ehe mit der finanziell besser gestellten Käthe von Sellenthin. Ein Spaziergang verschafft Botho daraufhin Klarheit. Er erkennt für sich die Verpflichtungen, die er als Adeliger hat und beendet die Beziehung mit Lene. Insgeheim weiß er, dass er ihr mit seiner Entscheidung unrecht tut.

Nach einer Weile finden beide mit neuen Partnern in geordnete, also standesgemäße, Verhältnisse. Botho heiratet die oberflächliche Käthe, doch kann und will er die natürliche Lene nicht vergessen. Lene vermählt sich mit dem ernsthaften Laienprediger Gideon Franke, der zwar Verständnis für ihre frühere Beziehung hat, sie aber nicht glücklich machen kann. Ein richtiges Happy End wird es für Lene und Botho nicht geben.

Das Thema dieses Romans ist das Liebesverhältnis zweier Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Ständen. Einer glücklichen Beziehung sowie einer gemeinsamen Zukunft der beiden steht das gesellschaftliche Standesdenken Preußens entgegen. Am Ende siegt die Vernunft über das Herz der beiden Hauptfiguren des Romans.

Irrungen, Wirrungen

Personenkonstellation

Hier erfährst du mehr darüber, wie die einzelnen Figuren und Charakter im Roman zueinander stehen.

Lene Nimptsch

  • Alter: Anfang 20
  • Beruf: Büglerin/Stickerin/Näherin
  • sehr hübsch, blonde Haare
  • Eltern unbekannt
  • wächst bei Pflegemutter Frau Nimptsch auf
  • Bürgerliche
  • kaum Schulbildung, dies zeigt sich in ihren Schwächen: Lesen, Rechtschreibung, Grammatik, keine Fremdsprachenkenntnisse
  • wird beschrieben als treu, zuverlässig, ernst, nachdenklich, einfach, selbstbewusst und natürlich
  • pflichtbewusst, realistisch und emanzipiert
  • erkennt Aussichtslosigkeit ihrer Liebe zu Botho, setzt sich dennoch über Konventionen hinweg

Eine der beiden Hauptfiguren ist Lene Nimptsch, eine selbstbewusste junge Frau, die bereits Ansätze demokratischen Denkens verinnerlicht hat. Sie ist emanzipiert genug, um von ihrer eigenen Arbeit leben zu wollen. Lene steht für ihre Fehler ein; ihr ist egal, was andere von ihr denken.

Botho Freiherr von Rienäcker

  • Leutnant und Baron
  • adelig
  • Charakter wird als schwach und nachgiebig dargestellt
  • konfliktscheu
  • groß, schlank, blaue Augen, blonde Haare
  • Rittmeister
  • lebt gern über seine Verhältnisse
  • akzeptiert Menschen unabhängig von Schicht und Stand
  • charmant, bodenständig und warmherzig

Die andere Hauptfigur ist Lenes Geliebter Botho Freiherr von Rienäcker, der von ihrer Einfachheit, Natürlichkeit und Offenheit angezogen ist. Botho fällt durch seinen Charme, seine Zuverlässigkeit und sein Taktgefühl auf. Er zollt allen gesellschaftlichen Klassen Respekt, die adelige Borniertheit ist ihm dabei fremd. Die Beziehung zwischen der bürgerlichen Lene und dem adeligen Botho beruht bis zuletzt auf Gleichheit, ehrlichem Gefühl und gegenseitiger Anerkennung.

weitere wichtige Figuren des Romans

  • Kurt von Osten
  • Käthe von Sellenthin
  • Frau Dörr
  • Frau Nimptsch
  • Gideon Franke

Kurt von Osten ist Bothos Onkel und das absolute Gegenteil von Botho: Er verhält sich laut und auffällig, ist konservativ und intolerant und sehr von sich selbst überzeugt. Anders als Botho ist seine Einstellung rückständig, er neigt zu autoritären Urteilen und cholerischen Ausbrüchen.

Käthe von Sellenthin heiratet Botho nachdem seine Liebe zu Lene gescheitert ist. Aufgrund ihres Wohlstands wird sie von Bothos Mutter als perfekte Ehefrau ausgewählt. Käthe wird als alberne, heitere Person dargestellt, bietet jedoch nicht viel Tiefe in ihrem Charakter.

Frau Dörr ist die Vermieterin der Familie Nimptsch und wohnt selbst mit ihrem Mann Herr Dörr auf dem Gelände der Gärtnerei in Berlin-Wilmersdorf. Frau Dörr ist, ebenso wie Lene, aus niederem Stand. Sie neigt zu Egoismus, ist laut und rücksichtslos. Sie selbst hatte einst ein Liebesverhältnis mit einem Adeligen, daher vergleicht sie Lenes Beziehung zu Botho regelmäßig mit ihrer eigenen Vergangenheit. Dennoch betont sie, dass sie mit ihrem einfachen, bürgerlichen Leben zufrieden ist.

Frau Nimptsch ist Lenes Pflegemutter, wird im Roman überwiegend „Mutter“ oder „Mutterchen“ genannt, was ihren mütterlichen und fürsorglichen Charakter unterstreicht. Sie ist eine sehr ruhige und beständige Persönlichkeit, welche im Verlauf des Romans stirbt.

Gideon Franke ist eine Nebenfigur des Romans, welche erst in die Handlung eintritt, nachdem das Verhältnis zwischen Lene und Botho beendet ist und Botho Käthe von Sellenthin zur Frau genommen hat. Trotz ihrer Vorgeschichte mit Botho, heiratet Gideon Lene.

Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

„Irrungen, Wirrungen“ kann nicht nur als Liebesroman, sondern auch als Gesellschaftsroman oder Zeitroman bezeichnet werden. Kritisiert werden vor allem die gesellschaftlichen Verhältnisse Ende des 19. Jahrhunderts. Die Angehörigen eines jeden Standes (Adel, Bürgertum, Arbeiter) sind angewiesen, sich in Bezug auf ihre sozialen Beziehungen in ihrem jeweiligen Stand zu bewegen. Selbst die starke Liebe zwischen Lene und Botho kann letztendlich diesen Graben nicht überwinden. Die moralisch Überlegene ist dabei die bürgerliche Lene. Sie wird im Roman als „kleine Demokratin“ bezeichnet, damit nimmt sie eine sehr gegensätzliche Haltung zur damalig vorherrschenden preußischen Monarchie und Aristokratie ein. Durch die fortschrittliche Haltung Lenes drückt Fontane aus, dass sich die Gesellschaft, über die er schreibt, sich bereits im Wandel befindet. Der Adel befindet sich zu diesem Zeitpunkt, so auch im Roman, bereits in einer gefährdeten Lage. Das Bürgertum rückt nach und strebt ebenfalls nach wirtschaftlichem und finanziellem Erfolg. Die Arbeiterschaft wird zunehmend politischer und fordert politische Macht, mehr Rechte sowie verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Zunächst stieß der Roman auf starke Ablehnung. Nicht nur die ständeübergreifende Beziehung der beiden Hauptpersonen war Anlass für Empörung. Vor allem die Liebesnacht, deren Details Fontane allerdings gekonnt ausließ, ging für die überwiegend adelige Leserschaft zu weit. „Irrungen, Wirrungen“ stellt damit den ersten Skandal für Fontane als Romanautor dar. Allein die Andeutung eines vorehelichen sexuellen Kontakts wurde vom breiten Publikum abgelehnt. Im Roman blickt Lene in ihrer Liebesnacht in Hankels Ablage lediglich zu Botho auf und Fontane schildert diesen Blick. Intime Details der gemeinsamen Nacht werden verschwiegen, dennoch sorgte diese Szene des Romans für Ablehnung in der damaligen Gesellschaft. Empörte Leser kündigten ihr Zeitungsabonnement der Vossischen Zeitung, welche den Roman als Vorabdruck veröffentlichte.

Man kann zusammenfassen, dass Fontane mit seinem Roman nicht nur auf vorherrschende Missstände zwischen den einzelnen Ständen der Gesellschaft hinweist, sondern gleichzeitig einen Wandel der damaligen Gesellschaft voraussagt.

Entstehungsgeschichte

Wie es wohl gewesen sein muss, im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu leben? Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“, der der literarischen Epoche des Bürgerlichen Realismus angehört, gibt uns einen kleinen Einblick in diese Welt. Die gesellschaftlichen Zustände kurz nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahre 1871 sind entscheidend für die Handlung des Romans: Die Standesschranken zwischen Adel und Bürgertum sind noch nicht überwunden. Eine Heirat zwischen Adeligen und Kleinbürgern ist zu dieser Zeit beinahe unmöglich. Trotzdem sind Verhältnisse zwischen adeligen Männern und Frauen aus der Unterschicht nicht unüblich und sie werden weitestgehend toleriert, solange keine Eheschließung angestrebt wird. In diesen Zeitgeist bettet Fontane die problematische Liebesbeziehung zwischen dem adeligen Botho und der kleinbürgerlichen Lene.

Lene

Ab dem Frühjahr 1884 arbeitet Fontane intensiv an der Erzählung. Den Roman verfasst er nur an seinem Schreibtisch. Unter anderem besucht er im Rahmen lokaler Studien die Schauplätze des Romans, z. B. übernachtet er selbst in Hankels Ablage, besucht das Hinckeldey-Kreuz, das Botho auf seinem Spaziergang im Roman besucht und sucht den Jacobi-Friedhof auf. Fontane beendet die erste Fassung des Werks bereits im Mai 1884. Dennoch erscheint der Roman erst im Juli 1887, und zwar als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung. Im darauffolgenden Jahr wird „Irrungen, Wirrungen“ in Buchform veröffentlicht.

Während Fontane in seinen Werken häufig die Geschichten realer Persönlichkeiten und Geschehnisse aufgreift, kann dies im Fall von „Irrungen, Wirrungen“ nicht nachgewiesen werden. Dennoch wird Fontane kurz nach der Veröffentlichung des Romans von einer Dame aufgesucht, welche der Meinung ist, sie sei Lene und Fontane erzähle ihre Geschichte. Dies zeigt, wie realistisch Fontane schreiben konnte, denn eine Liebe zwischen einem Adeligen und einer Kleinbürgerin, wie er sie schildert, hätte ohne Weiteres auch real sein können. Aus diesem Grund zählt man Fontane und seine Werke auch zur Literaturepoche des Realismus. Diese war geprägt durch wirklichkeitsnahe Schilderungen von Handlungen, Orten, Charakteren und Ereignissen.