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Genitiv

Der Genitiv ist ein Kasus, den sowohl das Deutsche als auch das Lateinische kennt. Jedoch kann der lateinische Genitiv andere und mehr Funktionen erfüllen als der deutsche.

Genitiv

"Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!" - Dieser ursprüngliche Buchtitel steht für die Entwicklung in der deutschen Umgangssprache, dass der Genitiv, seltener und veraltet auch Genetiv, immer seltener verwendet wird und häufiger mit Präpositionen oder manchmal auch mit dem Dativ umschrieben wird.

Im Lateinischen ist der Genitiv sehr lebendig und kann verschiedene Funktionen erfüllen, die hier alle erklärt werden.

Genitivus possessivus

Der Genitiv des Besitzes entspricht ungefähr dem Genitiv, den wir auch im Deutschen kennen. Er wird im Satz als Attribut oder als Prädikativum verwendet.

  • attributiv: domus vicini (das Haus des Nachbarn)
  • prädikativ: id sororis non est. (Das gehört nicht meiner Schwester.)

Haus_Nachbar.jpg

Die attributive Verwendung ist auf ein Substantiv bezogen und erläutert es als Attribut näher. Bei der prädikativen Verwendung steht ein Hilfsverb, eine sogenannte Kopula wie esse, fieri oder haberi. Im Grunde muss man sich ein Prädikatsnomen ergänzen, zu dem der Genitiv dann Attribut ist (Das ist nicht (das/der Besitz) meiner Schwester).

Es gibt eine weitere Form der prädikativen Verwendung mit esse, von der unter anderem ein A.c.I. abhängig sein kann. Man muss sich dann im Deutschen "Sache" (im weitesten Sinne) ergänzen (also: es ist Sache von jemandem/ es ist jemandes Sache, (etwas zu tun)). Damit können auch spezielle Bedeutungen gemeint sein (es ist die Aufgabe von jemandem/ es ist Anzeichen für etwas).

Genitivus explicativus

Der Genitiv der Definition ist nicht immer leicht von anderen Funktionen zu trennen. Er bezeichnet die Funktion, etwas näher zu erläutern, was sich mit dem Genitivus possessivus und partitivus überschneiden kann.

  • anno domini (im Jahr des Herren)

Genitivus obiectivus und subiectivus

Der Genitivus obiectivus hat, wie der Name schon verrät, die Funktion eines Objekts zu seinem übergeordneten Substantiv. Im Gegensatz zum Genitivus subiectivus, der als Attribut ein Substantiv näher erläutert. Also deckt er eigentlich die anderen Funktionen des Genitivs ab. Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel einfach nachvollziehen:

  • amor patris (die Liebe des Vaters - subiectivus)
  • amor patris (die Liebe zum Vater - obiectivus)

Dadurch entsteht in diesem Fall natürlich eine Doppeldeutigkeit. In den meisten Fällen sollte dies aber durch den Kontext klar werden. Wie, denkst du, soll der Genitiv im folgenden Beispiel übersetzt werden?

  • periculum mihi imminens consilium fugae capiebam. (Da ich in großer Gefahr schwebte, fasste ich...)

Wie geht es wohl weiter? consilium fugae als subiectivus wäre der Fluchtplan, als obiectivus der Plan oder Entschluss zur Flucht.

Richtig! Hier ist gemeint: Ich fasste den Entschluss zur Flucht./ Ich entschloss mich zur Flucht.

Im Gegensatz zu:

  • consilium fugae cogitare (sich einen Fluchtplan ausdenken)

Der Plan/Beschluss ist beim subiectivus durch die Flucht näher definiert, beim obiectivus ist er Ergebnis des Beschlusses, also das, was man beschließt. Und das, was man beschließt, ist das Objekt, wenn man es mit einem Verb formuliert.

Genitivus partitivus

Diese Funktion des Genitivs bezeichnet grundsätzlich das Verhältnis vom Teil zum Ganzen, wobei das Genitivattribut das Ganze darstellt. In partitivus steckt "part", das du bestimmt aus dem Englischen kennst und "Teil" heißt. Steht der partitivus nach einem übergeordneten Substantiv, übersetzt man ihn meistens intuitiv richtig mit dem deutschen Genitiv oder einer Umschreibung mit "von":

  • senator Romanorum (ein Senator der Römer/ der römischen (Senatoren))

Häufig kommt er auch bei anderen bestimmten Wörtern und Wortarten vor. Zum Beispiel nach einer Steigerungsform des Komparativs (größer an) oder Superlativs (am größten unter).

  • sapientissima hominum (die Weiseste unter den Menschen)
  • minor annorum (an Jahren weniger -> jünger)

Teil_Ganzes.jpg

Genauso kann der partitive Genitiv nach Adjektiven stehen, die eine Mengenangabe machen, also viel, nichts, manches, drei, sowie die Adjektive satis (genug), nimis (zu viel) und parum (zu wenig). Ebenso können auch substantivische Pronomen einem partitiven Genitiv übergeordnet sein. Substantivische Adjektive und Pronomen brauchen kein Bezugswort.

  • nihil novi (nichts des Neuen -> nichts Neues)
  • satis famarum (genug der Gerüchte -> genug Gerüchte)
  • tantum bonorum (so viel an Gütern -> so viele Güter)
  • aliquis alterorum ((irgend)einer der anderen)

Bei speziellen Wendungen kann der Genitiv auch nach Ortsadverbien stehen.

  • ubi terrarum sumus? (Wo in aller Welt sind/ leben wir?)

Genitivus qualitatis

Der Genitivus qualitatis gibt eine Eigenschaft an, die durch eine Mengenangabe näher definiert wird. Er ähnelt in seiner Verwendung dem Ablativus qualitatis. Diesen Genitiv gibt es im Deutschen auch, er ist aber eher formell oder teilweise veraltet (eine Frau der Taten, nicht der Worte).

  • negotiator summi ingenii (ein Geschäftsmann von höchster Begabung -> ein äußerst begabter Geschäftsmann)

Genitivus pretii

Der Genitiv des Preises drückt etwas allgemeiner gesagt den Wert von etwas oder jemandem aus. Dabei steht ein Adjektiv der Mengen- oder Größenangabe im Genitiv bei einem der folgenden Verben: esse, fieri (gelten, wert sein); aestimare, facere (einschätzen); putare, ducere (schätzen, gutheißen).

  • hic id magni non est. (Das ist hier nicht viel wert.)
  • rex ducet, quanti de re publica merueris. (Der König wird schätzen, wie viel du für den Staat getan haben wirst.)
  • (etwas freier: Der König wird zu schätzen wissen, wie viel du für den Staat tust.)

Der Genitiv bei bestimmten Adjektiven und Verben

Es gibt einige Adjektive, die einen Genitiv verlangen. Alle Adjektive und auch Partizipien, die bestimmte Bedeutungen haben, stehen mit dem Genitiv. Diese Bedeutungen kannst du dir gut mit folgendem Reim merken:

  • Begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll - stehen mit dem Genitiv, ist das nicht toll?

Diese Adjektive und ihre Gegenteile kann man auch im Deutschen mit dem Genitiv konstruieren, was jedoch nicht immer sehr schön klingt. Vor allem "eingedenk" benutzt man heute kaum noch. Das heißt nämlich, dass man sich an eine Sache erinnert oder einer Sache gedenkt. Hier ist auch im Deutschen der Genitiv teilweise noch fest verankert (Man gedenkt der Opfer von Katastrophen meistens mit einer Schweigeminute).

Genitiv_Tabelle.jpg

Auch einige Verben stehen mit dem Genitiv, wie meminisse (sich erinnern) und das Gegenteil oblivisci (vergessen). An wen man sich erinnert oder wen man vergisst, steht im Genitiv. Wenn es allerdings um Sachen geht, kann hier auch der Akkusativ stehen.

  • maiorum meminisse (sich an die Vorfahren erinnern/ der Vorfahren gedenken)

Der Genitiv folgt auch auf einige Verben der moralischen Empfindung wie schämen, ärgern, Mitleid haben, sich erbarmen, von Bedeutung sein (spezielle Bedeutung von interest mit Genitiv)... Diese Verben werden dann unpersönlich gebraucht und stehen deswegen in der 3. Person Singular mit dem implizierten Subjekt "es". Die Person oder Gruppe, die diese Empfindung hat, steht dann im Genitiv. Die Form interest (es ist von Bedeutung) zieht ebenfalls einen Genitiv nach sich, außer bei den Personalpronomen: Dort werden die Formen der Possessivpronomen im Ablativ Singular Femininum verwendet: mea, tua, sua (aber auch eius, eorum), vestra und nostra.

  • divites miseret philosophi. (Der Philosoph bemitleidet die Reichen.)
  • nostra interest discere. (Uns liegt daran zu lernen.)

Mit den Videos und Übungen kannst du dir den Stoff einprägen, sodass der Dativ niemandes Tod mehr sein muss! Viel Erfolg und vale!