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Kleist und seine Zeit

Ein gesellschaftlicher Außenseiter, der sich zeit seines Lebens nicht zwischen einem konventionellen und einem freien Lebensentwurf entscheiden kann und der schließlich, im jungen Alter von 34 Jahren, zuerst seine Bekannte und dann sich selbst erschießt? Was wie eine moderne Tragödie klingt, ist eine Zusammenfassung des Lebens des Dramatikers, Erzählers und Lyrikers Heinrich von Kleist (1777-1811). So unangepasst der Schriftsteller selbst war, so waren es auch seine Werke wie „Die Marquise von O.“ oder „Michael Koohlhaas“: Sie lassen sich weder der Romantik noch der Weimarer Klassik zuordnen. Ein bekanntes Drama dieses Sonderlings der deutschen Literaturgeschichte ist „Der zerbrochene Krug“, ein Lustspiel, welches die Vorlage zu vielen Opern und Filmen wurde.

Kleist

Entstehungsgeschichte von „Der zerbrochene Krug“

Grund und Idee für die Entstehung von „Der zerbrochene Krug“ ist ein im Jahre 1802 angefertigter Kupferstich mit dem Titel „Der Richter oder Der zerbrochene Krug“ des französischen Malers Jean-Jacques Le Veau. Das Bild veranlasste Kleist, eine Gerichtsverhandlung in seinem neuen Drama zu thematisieren. Für die Fertigstellung benötigte er allerdings ganze vier Jahre! Auch wenn das Werk Anfang des 19. Jahrhunderts noch ausgebuht wurde und erst nach Kleists Tod beim Publikum Anklang fand, stellte schon damals ein Dichterkollege des Autors, Heinrich Zschokke, fest: „In Kleist steckt ein Lustspieldichter ersten Ranges.“ Wie heißt es doch so schön: Gut Ding will Weile haben!

Inhaltsangabe von „Der zerbrochene Krug“

Jetzt fragst du dich bestimmt: Was soll denn bloß „lustig“ an einer Gerichtsverhandlung sein? Der komische Konflikt in „Der zerbrochene Krug“ liegt darin, dass die Hauptfigur - der Dorfrichter Adam - einen Fall aufzuklären versucht, in dem er selbst der Täter ist. Die richterliche Würde wird absurd ins Lächerliche gezogen, indem Adam permanent den Versuch unternimmt, die Wahrheitsfindung zu sabotieren.

Der zerbrochene Krug

Im Mittelpunkt der Gerichtsverhandlung steht die Frage: Wer hat den Krug von Frau Marthe Rull zerbrochen?, wobei der Leser von Anfang an Mitwisser von Adams Täterschaft ist. Eve, die Tochter der Klägerin, die auch gleichzeitig eine Zeugin im Prozess ist, weiß als einzige der Figuren, dass Richter Adam die Tat begangen hat. Dieser jedoch erpresst sie: Sagt sie die Wahrheit, bekommt ihr Verlobter Ruprecht das Attest nicht, das ihn vor einem Militäreinsatz im Ausland bewahren würde. Im Gerichtssaal kommt es im weiteren Verlauf zu falschen oder verwirrenden Aussagen und Anschuldigen durch verschiedene Zeugen: Mal ist Ruprecht der Täter, mal der Flickenschuster Lebrecht, schließlich sogar der Teufel. Doch Ende gut, alles gut: Der Gerichtsschreiber Licht deckt alle Widersprüchlichkeiten auf und der wahre Täter - Richter Adam - wird gefunden.

Personenkonstellation von „Der zerbrochene Krug“

Zu Beginn der Gerichtsszene wird eine klare Zweiteilung der Personen des Stücks erkennbar, die sich Verlauf der Handlung allmählich auflöst. Auf der einen Seite stehen die Vertreter des Gerichts: der Dorfrichter Adam, Gerichtsschreiber Licht und Gerichtsrat Walter; auf der anderen Seite stehen die Vertreter des Volkes: die Klägerin Frau Marthe Rull, ihre Tochter Eve, der Angeklagte Ruprecht und dessen Vater Veit sowie die Zeugin Frau Brigitte. Die Hauptfigur des Geschehens ist der kahlköpfige Adam, der nicht sonderlich attraktiv ist. Er hat einen Klumpfuß und zeichnet sich durch seine Leibesfülle aus. Er begehrt Eve, weshalb er ihr auch am Vorabend der Gerichtsverhandlung einen Besuch abstattet und dabei den Krug zerstört. Unglücklicherweise ist Eve gezwungen, ihren Verlobten Ruprecht der Schuld zu bezichtigen. Der wiederum verdächtig Eve der Untreue. Schnell wird Richter Adam jedoch als Täter entlarvt, das Liebespaar versöhnt sich wieder und der Gerichtsschreiber Licht wird zum Nachfolger von Richter Adam ernannt.

Der zerbrochene Krug

Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte von „Der zerbrochene Krug“

„Langweilig und abgeschmackt!“, so wurde das Stück nach seiner Uraufführung im Jahre 1808 vom Publikum bezeichnet. Der Schriftsteller Heinrich von Kleist war seiner Zeit einfach schon ein paar Jahre voraus, denn erst ein knappes Jahrzehnt später wurde „Der zerbrochene Krug“ posthum zu einem von Kleists größten Erfolgen. Es gibt eine Vielzahl von Interpretationsansätzen, die helfen, das Stück noch besser zu verstehen: Es greift unter anderem das biblische Motiv des Sündenfalls von Adam und Eva auf, was nicht zuletzt durch die Namensgebung der Figuren erkennbar wird. Darüber hinaus prangert Kleist mit seinem Drama die Korruption im Justizwesen an, für das der unehrenhafte und triebgesteuerte Dorfrichter Adam symbolhaft steht.